12.6.2022

Daniel Osterwalder

»ich bin dann mal weg....«

Gletscher verschwinden

Die Gletscher-Initiative will nichts anderes, als die durch die Schweiz im Pariser Abkommen ratifizierten Ziele zum Klima auf den Weg zu bringen. Und so, dass wir diese Ziele tatsächlich erreichen. Damit das geschieht, reicht es nicht, wenn wir uns 2049 damit beschäftigen. Denn Zukunft ist jetzt.

Diese Woche verhandelt der Nationalrat über den Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative. Bekannt ist, dass die Klimaveränderungen unsere Lebensgrundlagen gefährden. Bekannt ist auch, dass dies das Leben im Gebirge betrifft, das durch Felsstürze, Murgänge und anderes mehr zunehmend riskant wird. Bekannt ist auch, dass dies Wald und Wiesen betrifft, die im Zuge der Klimaveränderungen verdursten. Letztlich - und auch das ist bekannt, betrifft dies alles Leben auf dem Planeten Erde.

Die Gletscher-Initiative schafft nun die entsprechenden Rahmenbedingungen, um die Schweiz auf Klimakurs zu bringen. In der Schweiz ist das auch deshalb wichtig, weil bei uns die Temperaturen doppelt so schnell ansteigen wie anderswo. Was auch bedeutet, dass sich die Veränderungen bei uns noch rascher zeigen. Murgänge, das Auftauen des Permafrost und das Abtauen der Gletscher lassen grüssen.

Aber fragen wir doch einmal direkt nach – wie es einem Gletscher geht

Ich schwebe, steh still, schmelze davon. Und ich sinke tiefer ins Gestein, falle, falle und falle und zerberste. Ich werde zehntausend Tropfen. Über Stock und Stein fliess ich. Zehntausend Tropfen, ein Fluss, ein Strom. Lachend? Leuchtend?

Die Veränderungen bei den Gletschern sind dramatisch und augenscheinlich. Die Bilder ganz unten sollen das verdeutlichen. Während der Rhonegletscher im Jahr 1900 als Riese noch weit ins Tal hing und fast bis nach Gletsch reichte, zog er sich im Laufe der Jahre mehr und mehr zurück. Und damit ziehen sich nicht nur die schieren Eismassen zurück. Vielmehr verändert das auch unser Bild von uns und der Landschaft, aus der wir stammen und in der wir leben.

Denn: Gletscher haben in der Schweiz etwas mit unserem Selbstbild und unserem Selbstverständnis zu tun. Sie gehören in unser Narrativ, dann, wenn wir davon berichten, wie die moderne Schweiz das geworden ist, was sie heute ist. Mit allen Ecken und Kanten auch, klar. Die Frage bleibt, welche Geschichten wir uns dann erzählen werden, wenn sich alle Gletscher aus dem Staub gemacht haben.

Die Bilder unten zeigen den Stand von 1974, als der Rhonegletscher noch über die Kante zwischen Grimsel und Furka hing. Das nächste Bild ist von 2005 und verdeutlicht den Rückgang. Die beiden letzten Fotos von 2019 zeigen den Stand heute. Da ist der Rhonegletscher nicht mehr sichtbar, sind 1.5 km Gletscher mit einer Höhe von geschätzt 50 m einfach verschwunden. Ganz im Sinne von: Ich bin dann mal weg...Wer mag, kann das Volumen in Form von Wasser gerne mal ausrechnen.

Ich bin zehntausend Tropfen. Auf dem Weg rausch ich ins Tal. Ich gleite nicht mehr. Rausche ins Tal über scharfkantige Vergangenheit. Meiner Vergangenheit. Ich folge deinem Weg, dem Weg von zehntausend Tropfen. Rausch ich einfach über den blankgescheuerten Felsen. Und sinke nicht tiefer. Ich falle, berste, breche ab und fliesse. Dem Meer zu. Für immer.

Wachstum

Eben: Es fliesst immer weniger zu Tal, immer weniger Wasser wird künftig in den Gletschern über Jahrzehnte hinweg gebunden und gespreichert, bereit, das Grundwasser zu füllen, unsere Wasserspeicher zu erhalten - Wasser als die Essenz des Lebens. Und damit, auch wenn das noch nicht immer so gesehen wird, kann Wasser auch in der Schweiz künftig ein Thema werden. Ein Thema der Knappheit. Denn was heute geschieht, passiert nicht über die Jahrhunderte hinweg, sondern dramatisch, beobachtbar und in wenigen Jahren. Diese Veränderungen sind menschengemacht, unter anderem aufgrund unseres Umgang mit endlichen Ressourcen und unserer Unfähigkeit, weg zu kommen von der eindimensionalen Vorstellung von Wachstum und der darauf gründenden Vorstellung klugen Wirtschaftens. Deshalb auch sollten wir uns Gedanken zu Post-Wachstum machen und uns intensiv mit Ideen der Gemeinwohl-Ökonomie auseinandersetzen, um auf die Äre der Egomanen und Narzissten den Boden zu bereiten für eine Äre des Gemeinsinns und des Gemeinwohls in einem umfassenden Sinn.

Und ich falle und ich fliesse durch die Zeit auf meiner Reise. Ich werde eine Wolke, ich bin zehntausend Wolkenperlen. Sprudelndes Leben, das aus der Tiefe quoll, vereiste und nun davonfliesst. Und was mal war, ist nicht mehr, ist vielleicht nie mehr wieder.

Ziele der Gletscher-Initiative

Das Schwinden unserer Gletscher ist ein Weckruf ! Die Klimakatastrophe können wir nur gemeinsam stoppen oder verhindern und nicht allein mit Technologie und Technik. Vielmehr geht es um die Verwandlung / Transformation vielfältigen Verhaltens. Wenn wir das nicht schaffen, können sich unsere Lebensgrundlagen nachhaltig verschlechtern.. Mit der Gletscher-Initiative soll  die Ära der fossilen Energien beendet werden.  Denn nur so ist es möglich, die menschengemachte Treibhausgas-Emissionen auf Netto-Null zu senken. Die Initiative will die Ziele des Pariser Klimaabkommens in der Verfassung verankern und die Schweiz auf Klimakurs bringen.

Transformation und Visionssuche

Transformation - also Verwandlung geht nur persönlich, bei jedem und jeder Einzelnen. Mit der WaldZeit / der Visionssuche bieten wir im August eine von vielen Möglichkeiten an, sich mit sich und dem eigenen Unvermögen, aus den eigenen Quellen zu schöpfen auseinandersetzen. Nicht um zu optimieren oder zu verbessern, sondern um einen Raum zu öffnen für neue Erkenntnisse und neue Erfahrungen. Mehr dazu findest du hier: WaldZeit

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